„Bibliophile:  (n) a lover of books; someone who finds joy and peace of mind while holding a qualitiy book.“

Nachts breche ich mit nichts als meiner Fantasie auf in neue Welten. Dann rückt alles in den Hintergrund und zurück bleibe nur ich allein. Ich reise durch alles verschluckende, tiefschwarze Wälder, hinter deren Bäume, im Schatten verborgen, die unglaublichsten Geschöpfe lauern. Ich bezwinge schroffe Gebirgsketten, während der Wind unerbittlich über meinen Kopf hinweg fegt, und hoffe, dass ich nicht zusammen mit dem sich lösenden Gestein in die Tiefe gerissen werde. Ich betrete majestätische Bauten, verziert mit Gold und Glas. Bestaune hoch aufragende Springbrunnen und akkurat angelegte Gärten, deren Blumen in den schönsten Farben blühen. Meine Reise führt mich über tosende Meere und entlang karger Küsten, auf deren Anhöhen mal massive Burgen thronen, mal nichts außer Ruinen mich begrüßen. Endlose Wüsten drohen mich zu bezwingen. Die sanften Hügel des Graslandes stattdessen heißen mich in ihrer Mitte willkommen. Ich bin den Lärm der Großstädte ebenso gewöhnt wie die verschwiegenen Dörfer mit ihren einfachen Hütten und den rauen Umgangsformen.

Ich eroberte auf dem Rücken eines Drachen den Himmel und versteckte mich zwischen Heu und stinkenden Fässern auf einem rumpelnden Wagen. Meistens war ich auch einfach zu Fuß unterwegs und fluchte über aufgeschürfte Sohlen oder hartnäckige Blasen. Die Fahrt mit Autos oder Zügen war da um einiges komfortabler. Doch niemals hätte ich mein treues Pferd eingetauscht, das mich selbst im Angesicht des Feindes selten im Stich ließ.

Am meisten prägten mich aber meine Bekanntschaften. Ob eigenhändig arrangiert oder mehr zufällig entstanden, sie machten meine Reise erst zu einem Abenteuer. Auch wenn ich mich nicht immer gleich auf Anhieb mit ihnen verstand oder wir das ein oder andere Zerwürfnis hatten, am Ende, wenn es darauf ankam, standen wir Seite an Seite auf dem Schlachtfeld. Halfen uns in brenzligen Situationen aus der Patsche. Sprachen vor wegweisenden Prüfungen einander Mut zu und trieben uns gegenseitig voran. Ohne diese Männer und Frauen hätte ich oft auf halber Strecke aufgegeben, den Weg nicht mehr zurückgefunden oder wäre den Schergen blutrünstiger Herrscher zum Opfer gefallen. Wir wurden Brüder und Schwestern. Freunde und Gefährten fürs Leben.
Und auch der Liebe begegnete ich oft. Erfuhr erwiderte, tiefgründige Zuneigung und hoffnungslose, unerfüllte Sehnsüchte. Es gab endlose Kämpfe um Vertrauen und Anerkennung und so manche schlaflose Nacht. Mein Herz wurde gebrochen und wieder zusammengesetzt, mehrmals von derselben Person. Doch auch ich wusste oft nicht, was ich wollte und zerstörte in blinder Wut mir nahe stehende Menschen, beging unverzeihliche Fehler, wandte mich für immer ab. Manchen gelang es hinter meine Fassade zu blicken, den harten Kern aufzubrechen und mich so zu nehmen, wie ich bin. Die Liebe zeigte mir ihre unendlichen Facetten und lehrte mich die ein oder andere Lektion, die ich so schnell nicht mehr vergessen werde.

Machthungrige Herrscher und entsetzlich, entstellte Kreaturen trachteten nach meinem Leben und drohten mich und viele Unschuldige ins Verderben zu stürzen. Scheinbare Freunde und eifersüchtige Konkurrenten legten mir Steine in den Weg und versuchten mich ins Aus zu drängen. Ich überlebte hinterlistige Anschläge und kritische Verletzungen. Doch auch ich konnte austeilen und wusste, wie ich mit Kopf und Strategie meine Feinde zu Fall bringe.

Ich trug dabei die Verantwortung für meine Familie, ein ganzes Volk oder sogar die Menschheit. Viele vertrauten mir und auch ich konnte vielen vertrauen.
Wenn der Morgen anbricht, bin ich wieder zurück. Sammle meine Gedanken, trockne die letzten Tränen und rüste mich für das nächste Abenteuer, das irgendwo da draußen auf mich wartet…


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