Es [Rezension]

Es
Stephen King
Heyne Verlag
Leseprobe
[Seiten: 1536 || Preis: 14,99 €]

Zum Inhalt: In der Stadt Derry finden immer wieder grausame Morde statt – vornehmlich an Kindern. Sieben junge Außenseiter beginnen, der Sache auf den Grund zu gehen und entlarven das Grauen, das schon seit Jahrzehnten die Kleinstadt heimsucht.

Wo fang ich hier nur an? Meine Erwartungen an dieses Buch waren so unfassbar hoch und jetzt – am Ende dieser 1536 Seiten – denke ich mir nur, da hättest du auch drei gute Bücher vom SuB lesen können. Kennt ihr das, wenn ihr euch sicher seid, dass euch ein Buch gefällt und dann wie vor dem Kopf gestoßen seid, wenn es einfach nicht funkt. So ging es mir bei Es. Fangen wir trotzdem erstmal mit den positiven Aspekten an.

Unfassbar gut ausgearbeitete Charaktere

Wenn Stephen King eine Stärke hat, dann sind es definitiv seine Charaktere. Das war schon bei Carrie, Sie und Shining so. Obwohl hier sieben Charaktere im Mittelpunkt stehen, hat man nicht das Gefühl, dass es sich auch nur bei einem von ihnen um eine „leere Hülle“ handelt. Oder um eine Art Lückenbüßer. Kein Charakter ist austauschbar, jeder von ihnen spielt eine tragende Rolle und wird in penibler Kleinstarbeit aufgebaut. Sicher, ich habe nicht alle mit der gleichen Intensität ins Herz geschlossen, aber trotzdem lagen sie mir alle am Herzen. Wie das in einer großen Gruppe eben so ist: Mit manchen hat man mehr gemeinsam, mit anderen weniger. Ich denke, dass sich jeder in irgendeiner Weise mit den Ängsten und Herausforderungen von einem der sieben Kinder identifizieren kann und in meinen Augen ist es auch das, worauf die Geschichte aufbaut. Allerdings kommen wir hier direkt zum ersten Knackpunkt.

Coming-on-Age-Geschichte mit (lediglich) Horrorelementen

Ich bin keine Horrorexpertin und kenne mich auf diesem Gebiet quasi überhaupt nicht aus. Vielleicht habe ich deshalb etwas völlig anderes erwartet. In meinem Kopf galt Es immer als DAS Horrorbuch von King. Tatsächlich hat mich die Realität ziemlich ernüchtert. Ich habe das Buch überwiegend gehört, was in dieser Hinsicht wahrscheinlich ein Vorteil war. David Nathan hat die Geschichte wirklich toll gesprochen und mir in einigen Szenen immerhin etwas Gänsehaut bereitet. Hätte ich das Buch komplett selbst gelesen, wäre ich bestimmt noch enttäuschter. Wenn man mir das Buch als Coming-on-Age-Geschichte mit Horrorelementen vorgestellt hätte, sähe die Sache anders aus. Das ist meiner Meinung nach eine äußerst treffende Beschreibung. Die Bewertungen, die ich im Vorfeld gelesen/gesehen habe, lobten vor allem den Gruselfaktor und die Spannung – beides habe ich sehr vermisst. Es geht ums Erwachsenwerden, um Freundschaften, um Fantasie, es steht nicht unbedingt der Nervenkitzel im Fokus.

Dürftiges Erzähltempo mit viel zu kurzen Ausschlägen

Da es in erster Linie um die Entwicklung zum Erwachsenen und die damit einhergehenden Herausforderungen geht, schreitet die Erzählung lediglich gemächlich voran. Stephen King nimmt sich Zeit, um die Geschichten der sieben Kinder ausführlich zu erzählen und so ein dichtes Netz an Erlebnissen, Ängsten und Träumen aufzubauen. Das macht Sinn, fordert aber viel Geduld, wenn man wie ich auf den Nervenkitzel in Gestalt von Pennywise wartet. Bevor es überhaupt auch nur ansatzweise in diese Richtung geht, vergeht einiges an Zeit. Was mich in diesem Zusammenhang besonders gewurmt hat: Wenn es dann mal spannend wird, dauern die Szenen gefühlt nur wenige Sekunden. Erst baut sich alles über mehrere Kapitel auf und ist dann binnen eines Wimpernschlags schon wieder vorbei. Ich hatte mehr Konfrontation, Action und zermürbende Szenen im Dunkeln erwartet.

Völlig verkorkstes Ende

Den Rest hat mir dann schließlich noch das Ende beziehungsweise die äußerst verwirrende Auflösung des Ganzen gegeben. Hätten mich nur die vorhergehenden drei Punkte gestört, wäre das Buch mit einem Okay bei mir davongekommen. Dieses Ende hat mir allerdings noch einmal gehörig die Stimmung vermiest. Stephen King geht mir hier mit seinen Überlegungen viel zu weit. Für mich passt das überhaupt nicht mit der eigentlichen Geschichte zusammen. Es kommt mir so vor, als wollte King besonders ausgefallen oder tiefgründig sein – verliert dabei aber irgendwie komplett den Fokus. Über so viele Seiten baut sich alles auf, dann steuert man endlich auf das Finale zu und das entpuppt sich dann als gigantisches Wirrwarr. Kann sein, dass mir einfach die Tiefgründigkeit oder philosophische Ader fehlt, um Kings Schluss entsprechend zu würdigen. Viele finden das vielleicht genial, bei mir konnte er damit null punkten.

Alles in allem also eine sehr ernüchternde Bilanz meinerseits. Ich bereue es nicht direkt, das Buch gelesen zu haben, weil ich jetzt weiß, was dahintersteckt. Auch wenn der Preis dafür ganz schön hoch war. Wer also seine Neugier befriedigen möchte, nur zu. Empfehlen kann ich den Schinken aber wirklich nicht.

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Eine WordPress.com-Website.

Nach oben ↑

%d Bloggern gefällt das: