Hier musst du glücklich sein

Hier musst du glücklich sein
Lisa Heathfield
Carlsen Verlag
[Seiten: 320 || Preis: 16,99 €]

Zum Inhalt: Die Gemeinschaft Saat ist Pearls Zuhause und sie ist nie auf die Idee gekommen, dass dort oder mit Papa S. etwas nicht stimmen könnte. Doch seit Ellis mit seiner Mutter und seiner kleinen Schwester in die Gemeinschaft aufgenommen wurde, häufen sich seltsame Vorfälle und Ellis warnt Pearl eindringlich vor ihrer vermeintlichen Familie.

Wieder einmal habe ich es YouTube zu verdanken, dass ich auf Hier musst du glücklich sein aufmerksam wurde. Von mir aus hätte ich es wohl nie aus einer Buchhandlung mitgenommen, weil ich im Jugendbuchbereich momentan keine Risiken eingehen will. Weil mich aber das Thema Sekten beziehungsweise Glaubensgemeinschaft in diesem Zusammenhang sehr angesprochen hat, zog es schließlich ein. Ich hätte ehrlich gesagt nicht gedacht, dass die Geschichte mir teilweise eine solche Übelkeit bereiten würde. Gerade weil es ja doch ein auf jüngere Leser ausgerichtet ist.

Bereits von Beginn an hatte ich beim Lesen ein sehr mulmiges Gefühl. Die Handlung wird aus Pearls Perspektive erzählt und man bekommt schnell einen Eindruck davon, wie sehr sie das Leben in der Gemeinschaft zusammen mit ihren „Brüdern“ und „Schwestern“ genießt. Gleichzeitig werden schon am Anfang Traditionen und Rituale der Gemeinschaft thematisiert, die für Pearl völlig normal sind, die man selbst aber bereits als bedenklich oder sonderbar empfindet. Die 15-jährige Protagonistin schaut zu den Mitgliedern von Saat auf und vertraut ohne Hintergedanken Papa S. (dem Oberhaupt von Saat) und seinen Anweisungen, denn sie ist sich sicher, dass er stets das Beste für sie und die anderen Einwohner von Saat will. Diese Naivität ist mit dem Fortschreiten der Geschichte teilweise wirklich schwer zu ertragen. Es geschehen Dinge, die Pearl überhaupt nicht begreift und die deshalb auch nicht direkt ausgesprochen werden, für einen als Leser aber völlig klar sind. Pearl hört nicht auf ihr Bauchgefühl und redet sich stattdessen immer wieder ein, was für ein Glück sie hat, in Saat leben zu dürfen, was mich zur Verzweiflung getrieben hat.

Die kurzen Kapitel und die sich immer mehr zuspitzende Atmosphäre haben dafür gesorgt, dass ich regelrecht durch die Seiten geflogen bin. Ich war bis zum Ende von den Ereignissen sehr gefesselt, man muss aber klar sagen, dass es in der Geschichte nicht vordergründig um laute Auseinandersetzungen oder heldenhafte Unternehmungen geht. Im Mittelpunkt steht vielmehr, zu enttarnen, was in Saat wirklich vor sich geht und wie Pearl und ihre „Geschwister“ auf die Veränderungen reagieren, die mit dem Auftauchen von Ellis und seiner Familie angestoßen werden. Denn als Außenstehende, die nicht in Saat geboren wurden, konfrontiert die Familie die Bewohner von Saat mit Dingen, die für sie unbegreiflich sind (beispielsweise mit der Mondlandung).

Obwohl die Spannung aufgrund der Kürze des Buches gut gehalten wird, hätte ich gerne ein paar mehr Hintergrundinformationen zu Saat und seinen Bewohnern bekommen. Es wird etwa nicht beschrieben, wie die Siedlung überhaupt genau gegründet wurde oder wie Papa S. es geschafft hat, die ältesten Einwohner von seinem Glauben und seinen Grundsätzen zu überzeugen (Was treibt die Menschen dort an? Was versprechen sie sich von Saat? Was hat sie zu Papa S. getrieben?). Als Leser wird man sozusagen vor vollendete Tatsachen gestellt. Ein paar Perspektivwechsel hätten da Licht ins Dunkel gebracht und wären eine willkommene Abwechslung zu Pearls kindlicher Einstellung gewesen.

Insgesamt hat mich Hier musst du glücklich sein sehr überrascht, denn ich hätte nicht mit einer so aufwühlenden Geschichte gerechnet. Natürlich ist und bleibt es noch immer ein Jungendbuch und vielleicht wurden gerade deswegen die zuvor angesprochenen, offenen Fragen nicht näher thematisiert. In mir hat das Buch jedenfalls die Lust geweckt, mehr in diese Thematik einzutauchen und Bücher zu lesen, die sich noch expliziter damit beschäftigen. Frisch ausgeliehen habe ich mir deswegen Unorthodox von Deborah Feldman.

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6 Gedanken zu “Hier musst du glücklich sein

  1. Wow, das klingt ja wirklich gut. Das Buch steht schon so lange auf meiner Wunschliste. Aber Dank deiner tollen Rezension mag ich es jetzt noch dringender lesen!
    Ich kann zu dem Thema noch „The Girls“ von Emma Cline empfehlen (Es gibt dazu auch ne Rezension auf meinem Blog). Außerdem will ich auch noch „Rabenfrauen“ lesen, über die Colonia Dignidad. Zu dem Buch kann ich aber noch nix sagen, weil ich es noch nicht selbst gelesen hab. Hab aber viel Gutes darüber gehört.
    Naja, vielleicht ist ja was für dich dabei.
    Liebe Grüße, Julia

    Gefällt 1 Person

    1. Ich habe auch gar nicht damit gerechnet, dass es mich so berühren würde! Ich hoffe, dir gefällt es ebenso. 🙂
      Danke dir für die Buchtipps! Die Klappentexte klingen auf jeden Fall vielversprechend und die Bücher sind gleich auf die Wunschliste gewandert. 🙂
      Liebe Grüße
      Maren

      Gefällt mir

  2. Huhu!

    Eine sehr schöne Rezension! Mich hat das Buch auch wirklich sehr überrascht und berührt. Kurz darauf musste ich mir „Paper Butterflies“ der Autorin kaufen (läuft auch unter Seed 2). Es ist eigentlich keine Fortsetzung, vielleicht hehtbes eher um die Thematik „man erntet was man sät“? Das ist aber nur eine Vermutung von mir. Es geht zwar um eine andere Problematik, aber die Geschichte hat mich sogar noch mehr zerrissen…ich kann es nur empfehlen!

    Liebste Grüße ❤ Jill

    Gefällt 1 Person

    1. Huhu!
      Vielen Dank! 💕
      Danke für deine Empfehlung! Der Klappentext klingt ja wirklich wieder nach einer sehr emotionalen und furchtbar traurigen Geschichte. Wurde von mir gleich abgespeichert. Mal schauen, wann mir nach solch einer schweren Kost ist, ich hänge solchen Geschichten immer noch ganz schön lange nach.
      Viele liebe Grüße
      Maren

      Gefällt mir

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