Eine Klasse für sich

Eine Klasse für sich
Julian Fellowes
btb Verlag
Leseprobe
[Seiten: 480 || Preis: 10,99 €]

Dieses Buch wurde mir vom btb Verlag kostenfrei zur Verfügung gestellt. Vielen Dank dafür und für die Geduld!

Zum Inhalt: Damian Baxter hat seit 40 Jahren keinen Kontakt mehr zu seinem ehemaligen besten Freund, doch als er unheilbar krank wird, kontaktiert er diesen, um ihn mit einem wichtigen Auftrag zu betrauen. Vermutlich hat Damian ein erwachsenes Kind, von dem er lange Zeit nichts wusste und sein früherer Jugendfreund soll nun Mutter und Kind ausfindig machen. Das Kind soll Damians ungeheures Vermögen erben.

Die gesamte Geschichte wird aus Sicht des namenlosen Ex-Freundes von Damian Baxter erzählt. Die Männer lernen sich in ihrer Jugend zum Start einer neuen Saison, während der die jungen Damen (Debütantinnen) in die Gesellschaft eingeführt werden, kennen. Damian, der aufgrund seiner bürgerlichen Herkunft eigentlich keinen Zugang zu den Gesellschaften des englischen Adels hat, nutzt die Freundschaft als Sprungbrett, um sich in den Freundeskreis des Ich-Erzählers zu stehlen und Einladungen zu den hochtrabenden Veranstaltungen zu ergattern. Dabei bringt er einiges an Unruhe in die vornehmen Kreise und schließlich entzweit ein heftiger Streit die beiden Freunde endgültig. Dass der nun steinreiche Unruhestifter später die Hilfe des Erzählers benötigt, um seinen Erben zu finden, katapultiert die beiden in die Jahre gekommenen Männer zurück in die Vergangenheit, das Ende der 60er. Der Ich-Erzähler muss dabei feststellen, dass er noch längst nicht so viel über Damian gewusst hat, wie er immer glaubte.

Die Kernhandlung des Buches fand ich unglaublich interessant. Der Erzähler muss insgesamt sechs Frauen aus seinem ehemaligen Freundeskreis abklappern, die Damians Angaben nach die potenziellen Mütter des Kindes sein könnten. Dabei reist er in Gedanken jedes Mal in die Zeit zurück, in der sie alle noch jung und voller Träume waren und erfährt, was sich während all der Jahre bei den Frauen zugetragen hat. Dabei stößt er auf einige Überraschungen. Viele der Damen führen ein ganz anderes Leben, als er zunächst angenommen hatte oder haben sich stark verändert. Diese Konfrontation mit der Vergangenheit zwingt ihn auch dazu, sich selbst Gedanken über den Verlauf seines Lebens zu machen und seine getroffenen Entscheidungen zu reflektieren.

Problematisch war für mich teilweise die Ausführlichkeit dieser Rückblicke. Manchmal verlor sich der Ich-Erzähler in sehr detaillierten Beschreibungen der jeweiligen Mädchen und ihrer Familien und wiederholt sich im Laufe der Handlung, besonders was seine Kritik aber auch Wertschätzung der damaligen gesellschaftlichen Konstellation angeht. Es war ein bisschen so, als würde man seinem Opa zuhören. Manchmal brummt einem der Schädel, aber insgesamt ist man total fasziniert von der vergangenen Zeit und ihren Riten. Debütantinnen, Tanzabende, Fracks — alles aus einer anderen Welt, mich hat insgesamt aber vor allem neugierig gemacht, was die Jugend von damals in ihrer Freizeit unternommen hat und welche Probleme, Sorgen und Sehnsüchte sie antrieben. Schnell wird einem beim Lesen klar, dass sich hinter der scheinbar blütenweißen Fassade auch viel verbirgt, was unter den Teppich gekehrt wird und dass die Generation auf einen Umbruch zusteuert, mit dem am Ende jeder anders umzugehen versucht.

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Während ich den Ich-Erzähler trotz einiger Marotten und altbackener Ansichten recht schnell ins Herz schloss, wurde mir Damian Baxter, der den Erzählungen seines ehemaligen Freundes nach schon in seiner Jugend unheimlich ehrgeizig und berechnend war, schnell unsympathisch und ich konnte nicht verstehen, wie sich die gesamte Situation überhaupt so zuspitzen konnte. Allerdings kam ich auch nicht umhin, Mitleid mit dem alten, einsamen Mann zu haben, den all sein Geld am Ende nicht vor einer unheilbaren Krankheit retten kann. Was die Damen angeht, so hatte ich stets sehr zwiespältige Gefühle. Oft konnte ich das Verhalten aus heutiger Sicht nicht recht nachvollziehen, in den 60ern war eben alles anders und das muss man beim Lesen auch im Hinterkopf behalten, sonst wird man schnell frustriert. Heirat, Kinder, die Kontrolle der Eltern — es wird eben nichts vom Autor beschönigt, sondern so dargestellt, wie es damals einfach zuging. Hier und da lässt sich auch ein wenig Schwärmerei finden, doch das Werk ist in erster Linie ein Gesellschaftsroman.

Insgesamt habe ich ein bisschen gebraucht, um mit dem Buch warm zu werden, doch umso tiefer ich in die Handlung eingetaucht bin, umso stärker wurde der Sog. Trotz ein paar Längen ermöglicht Eine Klasse für sich einen interessanten Einblick in Englands Oberklasse, ohne gestellt oder künstlich zu wirken.

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