Wald

Wald
Doris Knecht
Rowohlt Verlag
Leseprobe
[Seiten: 272 || Preis: 9,99 €]

Zum Inhalt: Im Zuge der Wirtschaftskrise hat Designerin Marian alles verloren und sich in eine einsame Hütte auf dem Land zurückgezogen. Dort muss sie lernen, mit ihrem neuen Leben zurechtzukommen, dass in einem extremen Gegensatz zu ihrer alten Existent in der Stadt steht. Sie fischt, sät, stiehlt und dann ist da noch Franz, mit dem sie einen Handel eingeht.

Der Klappentext des Buches hat mich vor einigen Monaten im Buchladen recht schnell fasziniert. Ich habe mir einiges ausgemalt, doch letzten Endes war das Buch anders und es dauerte eine Weile, bis ich mich in die Handlung eingefunden habe. Erst als ich über die Hälfte gelesen hatte, spürte ich einen leichten Sog. Aus diesem Grund bin ich recht unentschlossen, wie ich diesen Roman insgesamt eigentlich fand.

Erwartet habe ich, dass ich mit Marian zusammen ihren Alltag bestreite, sie ab dem Tag, ab dem es Berg ab geht, begleite und mich mit ihr nach und nach wieder aufrapple. Es kam jedoch ein wenig anders, denn stattdessen wurde ich vor vollendete Tatsachen gestellt, direkt in die Handlung geworfen und wusste lange Zeit erst einmal gar nicht, was genau denn nun passiert ist und wie alles so weit kommen konnte. Man braucht insgesamt viel Geduld, denn Marians altes Leben und auch ihr erstes Jahr in der Hütte am Wald werden erst nach und nach zum Thema und man bekommt stets nur kleine Häppchen, die dann irgendwann ein Bild ergeben. Marian lässt ihre Gedanken immer wieder in die Vergangenheit schweifen und gibt dem Leser so einen Einblick in ihren ehemaligen Freundeskreis, ihre vergangenen Beziehungen, ihr altes, ausschweifendes Leben, das sie rückblickend so viel mehr wertschätzt, jetzt, wo es vorbei ist. Sie genoss viele Annehmlichkeiten, für die sie sich im Nachhinein sogar teilweise schämt und die ihr so sinnlos erscheinen, wenn sie bedenkt, um was für überlebenswichtige Dinge sich ihre Gedanken jetzt vornehmlich drehen. Internet gibt es nicht, die Hütte muss sie mit Feuer heizen und essen kann sie nur das, was sie selbst anbaut oder sich auf andere Art und Weise beschafft hat. Statt Häppchen gibt es selbst gebackenes Brot und statt Designerkleidung trägt sie den alten Morgenmantel ihrer verstorbenen Tante, die zuvor in dem Haus gewohnt hat und aus deren Bücher sie versucht, sich die Kunst des Gärtnerns und Backens beizubringen.

Mich hat es ein bisschen gestört, dass diese Rückblicke einen so großen Teil des Buches einnehmen und man Marian eigentlich nur über einen sehr knappen Zeitraum gegenwärtig begleitet. Ich wäre lieber bei ihren Auseinandersetzungen mit den kauzigen Bauern der Umgebung und ihrem Kampf ums Überleben im ersten Winter in der Hütte dabei gewesen. So wäre ich Marian vielleicht näher gewesen und hätte alles besser nachvollziehen können, anstatt es nur als Bericht zu hören. Ich fand es schwierig, einen richtigen Draht zu ihr zu finden. Sie ist durchaus eine starke Frau, die weiter macht und kämpft, sich anzupassen weiß. Die Kluft zwischen dem Leben, das sie aufgegeben hat und ihrem neuen Leben als Selbstversorgerin empfand ich dennoch als unheimlich interessant, denn es werden so viele Bezüge zu aktuellen Trends und Hypes hergestellt, die einen nicht außen vor lassen und man ertappt sich selbst das ein oder andere Mal und muss schlucken. Es muss ja keine Wirtschaftskrise sein, es gibt auch andere Szenarien, die einen plötzlich den Luxus kosten können, den man schon als so selbstverständlich ansieht. Man ist so blind und denkt im Traum nicht daran, schlagartig vor dem Ruin zu stehen. Ich kann ja nicht mal meine Pflanzen am Leben erhalten, geschweige denn ein Beet anlegen.

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An den Schreibstil von Doris Knecht musste ich mich zunächst gewöhnen, die Sätze sind oft ausschweifend, dazwischen aber auch knapp und prägnant, wie kurze Impulse, die Marians Gedanken wiedergeben. Die Autorin beschönigt in ihrem Werk außerdem nichts, der unmoralische Handel zwischen Marian und dem bejahrten Frank, der stets seinen Lohn einfordert, wenn er ihr unter die Arme greift, ist da nur ein Beispiel. Ich musste an einigen Stellen aber auch schmunzeln, weil gewisse Situationen so skurril und verkorkst sind und sich mit allem beißen, was Marian in ihrem alten Leben so vorgestellt hat.

Insgesamt bin ich doch froh darüber, Wald gelesen zu haben. Ich hätte es nach dem letzten Satz gleich noch einmal von vorn lesen sollen, dann wäre mir die erste Hälfte sicher auch zugänglicher gewesen. Das Beschriebene lässt tief blicken und hält dem Leser einen Spiegel vor, will provozieren und anecken, was sehr spannend ist. Man muss Marian nicht unbedingt mögen, aber man kann eventuell ein bisschen was von ihr lernen.

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