Ein ganzes halbes Jahr

Ein ganzes halbes Jahr
Jojo Moyes
Rowohlt Verlag
Leseprobe
[Seiten: 544 || Preis: 9,99 €]

Zum Inhalt: Lou fällt aus allen Wolken. Plötzlich ist sie arbeitslos und findet sich im Jobcenter ihres kleinen Heimatortes wieder, wo man verzweifelt versucht, sie irgendwo unterzubringen. Schließlich tritt sie eine Stelle als Pflegehilfe an und landet bei Will Traynor, der seit einem Unfall im Rollstuhl sitzt und seine Lebensfreude verloren hat.

Das Buch

Ich glaube, jeder hat das Buch von Jojo Mojes schon einmal in der Buchhandlung oder bei anderen Leuten im Bücherregal gesehen. Bei mir war es genau das Gleiche, doch trotzdem habe ich nie mit dem Gedanken gespielt, es zu lesen. Bis ich im Kino den Trailer gesehen habe. Danach musste ich es natürlich unbedingt haben. Als ich es damals schließlich zusammen mit den Booknerds bei Dussmann kaufte und im Zug nach Hause meine Schätze noch einmal ausgiebig begutachtete, sprach mich direkt meine Sitznachbarin an und versprach mir, dass das Buch unglaublich sei und ich eine sehr gute Entscheidung getroffen hätte. Sie sollte Recht behalten.

Der Einstieg in die Geschichte fiel mir unheimlich leicht, denn Lou mochte ich auf Anhieb sehr gerne. Obwohl sie wegen ihres eigensinnigen Modegeschmacks und ihren impulsiven, etwas unüberlegten Aussagen von anderen belächelt wird, bleibt sie sich selbst treu und verbiegt sich nicht. Eine Meisterleitung, wenn man bedenkt, wie fies ihre Familie streckenweise zu ihr ist. Ehrlich gesagt, sorgten die verletzenden Worte und die mangelnde Rückendeckung ihrer Eltern und ihrer Schwester bei mir regelmäßig für Ärger. Ständig belächelte man ihre Talente, baute stattdessen auf die natürlich so viel klügere Schwester, erwartete aber dennoch, dass Lou weiterhin ihren Lohn der Familienkasse beisteuert. Es ist nämlich so, dass Lou noch bei ihrer Familie wohnt und deshalb auch Abgaben zu leisten hat, was ich natürlich verstehe. Doch niemand kümmert sich darum, was sie eigentlich möchte, sondern es steht nur das Geld im Vordergrund, was nach ihrer Kündigung vorerst ausbleibt.

Das Tempo, in dem sich die Beziehung zwischen Lou und Will entwickelt, hat mir ebenfalls sehr gut gefallen, denn beide beginnen erst nach einem sehr sehr langen Prozess, überhaupt Vertrauen zueinander zu fassen. Will hat sich durch den schweren Schicksalsschlag, den er erlitten hat, verändert und ist seinen Eltern sowie Freunden fremd geworden und alles andere als begeistert, als ihm Lou von seiner Mutter mehr oder weniger vorgesetzt wird. Einen Zugang zu Will zu finden, kostet Lou viel Zeit und Kraft und genau das macht die ganze Geschichte auch erst so ehrlich, denn obwohl ich bisher kaum mit dem Thema Tetraplegie konfrontiert wurde, wäre es mir nicht richtig vorgekommen, wenn es nur einen Augenaufschlag von Lou gebraucht hätte, damit Will sich ihr sofort öffnet. Ich kann seine abweisende Art verstehen, denn für ihn hat sich alles verändert, er kann nicht in sein altes Leben zurück und wird dazu gezwungen, sich mit der Situation zu arrangieren.
Lou versucht ihn aus dieser Einsam- und Trostlosigkeit zu locken, sucht wie besessen nach Veranstaltungen und Aktivitäten, bei denen einige aber auch in die Hose gehen, denn der Alltag hält viele Herausforderungen bereit, an die weder Lou (noch ich) gedacht haben. Manchmal verliert sie sich so in ihrem Eifer, dass sie gar nicht merkt, dass Will manchmal einfach nicht mehr kann und selbst entscheiden möchte, was er zulassen will und was nicht. Oft haben mich seine Worte zum Nachdenken gebracht, denn auch, wenn man es nur gut mein, neigt man vielleicht schnell dazu, jemanden in einer solchen Situation zu „bevormunden“.

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Die Autorin hat Charaktere geschaffen, die teilweise extrem unterschiedlich auf Will und seine körperliche Einschränkung beziehungsweise das damit einhergehende Verhalten und seine Ansichten zum Thema Lebensqualität umgehen und einen damit gezwungen, sich mit verschiedenen Perspektiven auseinanderzusetzen. Natürlich habe ich mir zwangsläufig darüber Gedanken gemacht, wie ich persönlich mit einer solchen Situation umgehen würde. Die Charaktere zu kritisieren ist leicht, aber was würde man selbst tun? Das Buch bietet in dieser Hinsicht wirklich viel Stoff zum Nachdenken und wird sicher jeden zu seinem eigenen Schluss kommen lassen.

Der Film

Die Besetzung hat mir, wie scheinbar dem Großteil der Kinogänger, sehr gut gefallen! Die schauspielerische Umsetzung von Claflin und Clarke wühlte mich emotional so viel stärker auf als das Buch und ich musste sehr oft meine Taschentücher zücken. Auch Wills Mutter wurde einfach so unheimlich gut getroffen, genauso hatte ich sie mir vorgestellt! Gestört hat mich allerdings, dass die unmögliche Art von Lous Familie überhaupt nicht so herüberkam wie in Moyes Geschichte. Ich fand, dass dadurch ein bisschen was verfälscht wurde. Außerdem wurde natürlich auch einiges weggelassen und so war es für mich, als würde man die Handlung im Schnelldurchlauf abarbeiten. Das ist ja aber ein generelles Manko an Filmen, worauf man sich sowieso einstellen muss und womit man natürlich im Vorfeld rechnet. Die wichtigen Punkte wurden zum größten Teil aber auch mit eingeflochten.

Insgesamt bin ich wirklich froh, dass ich die Geschichte um Lou und Will am Ende doch noch gelesen habe, denn sie entlockt einem so viele Emotionen, man lacht und weint mit den Charakteren, und am Ende nimmt man auch viel für sich selber mit.

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10 Gedanken zu “Ein ganzes halbes Jahr

  1. Ich habe das Buch letztes Jahr gelesen und ich liebte es! Selten wühlte mich ein Buch so auf wie ‚Ein ganzes halbes Jahr‘. Allerdings habe ich Angst davor den Film zu schauen, denn oft werde ich entäuscht von Buchverfilmungen. Deine positiven Worte zum Film geben mir aber Mut dazu, trotzdem noch schnell ins Kino zu eilen 🙂
    Viele Grüsse
    Julia

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    1. Ich finde, dass der Film das Buch insgesamt wirklich gut aufgegriffen hat! Wenn du also mit dem Gedanken spielst, dann schau ihn dir an. 🙂 Ich bin jetzt noch am überlegen, ob ich auch den zweiten Teil lese oder ob ich dann eher enttäuscht bin, weil er an den Vorgänger nicht herankommt…

      Gefällt mir

      1. Ich würde es lieber sein lassen mit dem zweiten Band. Mir gefiel er überhaupt nicht, die Charaktere verhielten sich komplett anders und es passte deshalb überhaupt nicht zum ersten Buch. Aber auch dort gehen die Meinungen total auseinander 🙂

        Gefällt 1 Person

  2. Hey Maren 🙂
    Schöner Beitrag! Ich bin ein riesen Fan von dem Buch und auch vom Film – Diese Umsetzung war fantastisch und hat mir ein riesen Gefühlschaos entlockt. Ich freue mich auf einen re-watch, sofern die Blue-ray erhältlich ist 🙂
    Hab noch ein schönen Abend ♥
    Ganz liebe Grüße, Yasmin-Stella ♥

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  3. Das Buch hat mir auch gut gefallen, zwar nicht sehr gut, aber gut. 🙂 Ich bin gespannt auf den Film! Ich fand die Familie teilweise auch echt fies beim Lesen, aber da es schon etwas her ist, dass ich das Buch gelesen habe, habe ich das etwas verdrängt.

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  4. Ich fand es echt blöd, dass sie die Familie, was ihr Verhalten anging so aufgehübscht haben im Film! Vorallem Treena, die echt 90% der Zeit selbstsüchtig und furchtbar zu Lou war. Das nimmt der ganzen Geschichte sehr viel ihrer Realität, die ich im Buch so mochte

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